Press release: Gallery Schnittraum//Lutz Becker, Cologne 2007 (German)

And All People Became a Witness of the Thunder and Lightning and the Tone of the Trombone and Smoking the Mountain
 
10. Nov. – 8. Dez. 2007 

In seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland thematisiert Daniel Andersson eine Underground-Kultur, die besonders in den Skandinavischen Ländern, aber auch in Deutschland eine lebendige Szene besitzt. Direkt ins Auge springt einem der auf eine gesamte Wandfläche aufgezogene Fotodruck einer Gruppe langhaariger Personen, allesamt in geduckter Haltung mit hängenden Köpfen und nach vorne gestreckten Armen. Der eingefangene Moment wirkt wie ein Filmstill eines rituellen Tanzes. Schnell entschlüsselt man die abgebildete Gruppe als authentisches Publikum eines Heavy Metal-Konzerts, wie man es von Konzertfotografien aus Fanzines und Musikjournalen kennt. Auffällig ist die uniformierte Kleidung: dunkle Jeans, schwarze T-Shirts, Lederjacken mit ornamentalen Aufnähern. Die eigentümliche Körperhaltung verweist auf den Brauch des Head-Bangens, das rhythmische Nicken des Kopfes, welches die langen Haare wie eine Peitsche durch die Luft schlagen lässt und den Ausübenden durchaus in einen Zustand von Trance versetzt. Die dunkel verschwitzte Szenerie, die überlaute, extrem schnell und hart gespielte Musik, die man dazu imaginiert, die geballten Fäuste erwecken die Vorstellung von zügelloser Entfaltung roher Kräfte unter den überwiegend männlichen Anhängern.

Durch Abkoppelung von der Musik und die übergroße Abbildung in den Räumen einer Galerie bricht Andersson jedoch die unmittelbare Wahrnehmung des Geschehens auf. Man wird den Berührungen der Körper gewahr, die in dem ekstatischen Treiben immer wieder zustande kommen und ein mehr an Bedeutung erahnen lassen, als das Ausloten des individuellen Raumes bzw. dessen Verteidigung. Die ausgestreckten Arme mit den oft zur Faust geballten Hände wirken wie stumpfe Kontaktorgane, die den Anderen ertasten, um Halt und Gemeinschaft sicherzustellen. Auch die gepflegten langen Haare, die sich überlagern und die Gesichter verdeckt halten, spielen mit der gängigen Vorstellung eines männlichen Publikums. Die einerseits stark in die eigene Innerlichkeit gekehrt wirkenden Personen erinnern im Verbund an die organische Einheit eines wogenden Korallenstamms.

Ausgehend von weiteren Fotoarbeiten, die vor allem die skulpturalen Verformungen und Überlagerungen der Haare abbilden und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind, entwickelt Andersson eine Serie von ornamentalen Computer-Prints in verschiedenen Formaten. Dazu legt der Künstler die in den Fotografien vorgefundenen Haarmuster in mühevoller Feinarbeit mit eigenen Haaren auf einem Scanner nach und spiegelt diese dann im Computer über mehrere Achsen. Daraus ergeben sich konzentrische Strukturen, bei deren Betrachtung man ebenso an Sexualorgane, an Insekten- oder Pflanzenmorphologien wie auch elementare Kristallstrukturen erinnern wird. Doch nie lassen sich diese Gebilde auf eine bestimmte Form festlegen. Sie bleiben ins Unendliche offene, meditative Assoziationsquellen, die einerseits auf die Ästhetik der Heavy Metal Kultur rekurrieren, wie man sie in den Namenszügen und Aufnähern der Bands vorfindet. Andererseits erscheinen sie wie Mandalas einer unbekannten Mystik.

Eine weitere Serie ausgestellter Arbeiten stellen an der Wand angebrachten Satzgebilde dar. In grammatikalisch und orthographisch verfälschter englischer Sprache, mit deutschen Worten durchzogen entziehen sich diese Sprachfetzen nahezu jedem Verständnis. Es handelt sich hierbei um Versuche deutscher Metal-Fans, die Musikstücke und Platten favorisierter skandinavischer Metal-Bands zu rezensieren. Eine Musik-Kritik, die auf semantischer Ebene an den Haaren herbeigezogen scheint, die aber nach dem ersten Schmunzeln eine unterbewusste Vermittlung ihres Objekts erreicht. Denn über den Klang der wuchtigen Wortwahl bzw. des Lautbildes scheinen die Sätze auf undurchsichtige Weise das Hörgefühl des Rezensenten zu evozieren.

Andersson selbst spricht von einer Perversion in seinen Arbeiten, dahingehend, dass er die Heavy-Metal Kultur, die für ein unmittelbares und vordergründig authentisches Erleben steht, im höchsten Grade ästhetisiert und so in einen völlig anderen Kontext überführt. Dabei gelingt es ihm aber, Strukturen herauszuarbeiten, die im Rückschluss wiederum dem Heavy-Metal Kult eine romantisch-mystische Dimension zukommen lässt, die weit über deren verbreitetes Inszenierungsverhalten als dunkle, andersweltliche Fantasygemeinde herausreicht.